…oder: Ein Zwischenruf aus der Vergangenheit analysiert das Heute. 1968 meets 2014.
Von Daniela Disterheft
Rudi, morgen findet hier eine Scheinveranstaltung statt. Viel größer manipulierter und zentralistischer, als du es dir nach deiner Flucht, aus deinem Geburtsland, der DDR, je hättest träumen lassen. Das Land Rudi, in dem du deine Weltenreise auf dich nahmst, kennt die erste Generation Nachgeborener nur noch aus Geschichtsbüchern. Die Revolution hat gesiegt, glaubst du? Der Mensch habe sich erhoben, um sich bewusst zu werden seiner Knechtschaft in den Klauen der Konzerne und habe sich auf gemacht Geschichte bewusst zu machen? Nicht länger als Idiot zu dienen, hilflos im Weltengetriebe? Überwunden sei die Diktatur?
Nun Rudi, die Nationalstaaten sind tatsächlich in Auflösung begriffen. Auf dass die Menschen sich verbinden? Autsch! Um jede Schranke aufzuheben, die den freien Handel der Konzerne auch nur noch irgendwie behindern kann. Sogar eine einheitliche Währung ist geschaffen, die knapp dreißig Staaten in ihren Schulden aneinander bindet. Dazu ließ man die Börse kollabieren, die mit der Ware „Aktienanteil“ gläubige und unersättlich gierige aber noch dazu absolut nicht wissende Anleger um ihre Erspartes prellte. Ganze Rentenersparnisse wurden Konzernen in den Rachen geworfen. Der Verlust? Stets fürs Volk. Sogar an Spareinlagen darf „Vater Staat “sich jetzt bedienen. Wozu? Um Zocker x-fach unter Schutzschirme zu stellen, auf dass sie, der Regen, den sie über andre brachten, niemals träfe. Alle Gewinne dem Shareholder. Die Arbeitslosen bilden ein Millionenheer. Die, die noch Arbeit haben, kennen nur die Angst davor, diese zu verlieren und knechten in 400-Euro-Jobs. Dass keiner davon leben kann, ist allen klar. Das macht die Menschen, wenn auch schon erheblich weniger – gefügig. Denn der Rest, den es braucht um existieren zu können, wird amtlicherseits aufgestockt.
Vater Staat selbst, hat nicht mehr viel zu melden. Brüssel heißt der neue Gott. Der Gouverneursrat meldet jedem Pseudostaatsgebilde, welche Summe abzuliefern ist. Wem das nicht passt, wer demonstriert, für den gilt wieder: Todesstrafe! Frank und frei. Der Gouverneursrat ist in keiner Weise haftbar, genießt Immunität, ist nicht vom Volk gewählt. Denn ein Staat Europa existiert nicht.
Du sagtest: Es sei nicht gut, wenn Produktionsmittel sich in Unternehmerhand befinden. Heute gehört den Konzernen Trinkwasser, Saatgut, der genetische Bauplan fast jeder Kreatur.
Doch eine Chance scheint geblieben. Wir nennen sie das Internet. Springer und Co treibt dieser viereckige kleine Kasten die Tränen in die Augen, weil er jede Unwahrheit aufdeckt. Über kurz oder lang in zahllosen Verzeichnissen und Archiven, Milliarden elektronischer Seiten, findet sich fast jede Information der Welt. Jeder verbreitet was er will, jeder sagt was er will, jeder preist an, was er will. Binnen Sekunden für jeden abrufbar. Jedes Gefühl, jede Idee, jeder Gedanke. So man ihn denn mit dem weltweiten elektronischen Netz teilen will. Ob du ihn oder sie da draußen kennst oder nicht. So findet man sich aber auch. Wer will was von wem? Warum? Wann? Wo? Und Wie? Gedacht hatten es die Erfinder zu Kontrolle der Menschheit. Doch es ist ihnen entglitten. Nun herrscht, zu allen realen Kriegen auf der Welt, die durch Verbreitung von Falschinformationen binnen Tagen ihren Lauf nehmen können, auch noch der Krieg um die Köpfe, die Herzen, die Ideale und Träume. Auf eine Art und Weise, mir unmöglich ist, einem Außenstehenden zu beschreiben. Denn alles und jeder kann hier entstehen und vergehen. Binnen Minuten. Sein oder nicht sein definiert sich heute nahezu ausschließlich in diesem Kasten. Du bestellst dir deine Pizza genauso, wie deine Traumfrau aus Thailand. Um das tun zu können, muss dein reales Bankkonto allerdings ganz real gedeckt sein. Schließlich fliehen die meisten Frauen, die auf solvente Heiratswillige hoffen, vor absolut realer Armut im eigenen Land. Und da sind wir wider bei dir, Rudi - deiner Systemkritik des Jahres 1968. Alles beim Alten nur viel, viel wirklich sehr viel extremer.
1968 sagtest du, Rudi, voraus: „Raus mit Deutschland aus der NATO!“ Oder in den Siebzigern Stahlbad. Rudi, Die NATO ist im Jahre 2014 die einzig verbliebene weltweite Supermacht. Jedenfalls sieht sie das so und das nur, weil sie die Sowjetunion wirtschaftlich und ideologisch niedergerungen hat. Als Folge hieraus ist die Berliner Mauer verschwunden. Die Russische Föderation, der Nachfolgestaat, welcher von der Sowjetunion übrig blieb, ist inzwischen erstarkt, während die USA im Niedergang begriffen sind. Komplett bankrott durch zahllose Kriegsschauplätze die diese auf der Welt geschaffen haben und diesen Vorgang jeweils friedenserhaltende Operationen, mit dem Zwecke der „Befreiung“ des jeweiligen Staates, der allermeist über große Erdölreserven, Gold oder andere Bodenschätze verfügt, um die es den USA
tatsächlich geht. Das Einzige, was die USA ökonomisch am Leben erhält, ist die weltweite Bezahlung von Erdöllieferungen in Dollar. Nichts sonst ist in der Lage. Doch der Dollar als Weltleitwährung steht vor dem Niedergang. Ach ja, vorgestern erklärte der aktuelle NATO-Chef die neueste Doktrin des „Bündnisses“ Die neue, ständige Bedrohung stellt wieder Russland dar. Grund? Es habe angeblich den eigenständigen Staat Ukraine geteilt. Der Kalte Krieg war nie vorbei.
Morgen sollen wir unsere Abgeordneten für das EU-Parlament wählen. Ja Rudi, ein Parlament für einen „Staat“ der nicht existiert. Weißt du, was einer ihrer Obersten sagt? „Die Wahlen sind überflüssig. Entschieden wird sowieso woanders.“ Die Wahlberechtigten bewiesen durch ihr Desinteresse einen sicheren Instinkt.
Sag´s noch einmal, Rudi – trotz allem!
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